Regeln und Normen bricht man in Stockholm gerne und mit Genuss – vor allem, wenn es um gutes Design geht!

Entspannt ist die Stimmung am Vorabend des Pride im kleinen Flagship-Store der Stockholmer Modemarke Hope. Ein DJ legt auf, es gibt Sekt, Bier und Antialkoholisches, einige Kunden bewundern die Kreationen der neuen Herbst/Winter-Kollektion. Viele Stücke betonen die Schultern, übergroße Blumenmuster schaffen farbliche Ausrufezeichen, einige Jacken setzen mit leuchtend roten (und natürlich künstlichen) Pelzen Akzente. Doch die Hope-Designs fallen noch aus einem anderen Grund besonders auf.

Seit 2017 nennt die Modemarke bei allen ihren Kreationen die Konfektionsgröße für Männer und Frauen. „Wir haben immer einen Post-Gender-Ansatz, wenn wir unsere Stücke entwerfen“, erklärt das Team seine Idee. „Es gibt keinen Grund, warum Kleidungsstücke durch Geschlechterrollen bestimmt sein sollten. Wir wollen deshalb alle unsere Kunden ermutigen, die gesamte Kollektion anzuschauen, ohne an überkommene Konventionen gebunden zu sein“. Entsprechend gibt es auch im Laden keine klar definierten Bereiche für Männer oder Frauen und stattdessen viel Platz für überraschende Entdeckungen.

Mit ihren Ideen beweisen die Modemacher um Frida Bard, die seit 2017 für die Designs verantwortlich ist, Mut zu Neuem, Lust und Interesse an der Provokation und ein bewusstes Gegen-den-Strom-Schwimmen. Und damit stehen sie nicht alleine, wie ein kleiner Spaziergang durch die Straßen rund um den Hope-Laden zeigt. Obwohl der Name des Viertels, Bibliotekstan, im ersten Moment an schwere Bücher und gemütliche Cafés denken lässt, ist die Gegend zwischen den Straßen Norrlandsgatan, Lästmakargatan, Birger Jarlsgatan und Hamngatan auch als Stockholm Fashion District bekannt. Hier haben neben kleineren Labels auch bekannte Marken wie Acne Studios oder Nudie Jeans ein Zuhause gefunden.

Über den Schwerpunkt Mode hinaus finden sich in Bibliotekstan zudem Läden für hippe Möbel und Wohnaccessoires. In ihrer Vielfalt spiegelt die Gegend gewissermaßen den Geist schwedischen Designs. Bis heute prägt nämlich die „Stockholmer Ausstellung“, die im Jahr 1930 unter anderem Architektur sowie Design im Zeichen einer funktionalistischen Moderne vorstellte, das Denken. Die Idee hinter dem Konzept: Design soll nicht einfach nur schön sein, sondern auch seinen Teil dazu beitragen, eine moderne, sich positiv entwickelnde Gesellschaft aufzubauen. Etwa, indem tolles Design nicht so teuer ist, dass es sich nur wenige leisten können. Oder indem neue Modekreationen selbstverständlich von Männern wie Frauen getragen werden können, um das Beispiel Hope aufzugreifen.

Auch anderswo in Stockholm kann man dieser Grundidee nachspüren. Im Hotel Skeppsholmen zum Beispiel. Das zur Gruppe der Design Hotels gehörende Haus befindet sich in einer historischen Kaserne für schwedische Marinesoldaten aus dem Jahr 1699. Auf einer per Brücke mit dem Festland verbundenen kleinen Insel liegt es zentrumsnah und trotzdem ruhig im Grünen. Direkt nebenan hat passenderweise das Museum für Moderne Kunst seine Zelte aufgeschlagen. Für die Innenausstattung haben die Besitzer des Skeppsholmen auf hochwertige, aber schlichte Designelemente gesetzt: angenehm weiß getünchte Wände, abgeschliffene Holzdielen und nur ab und zu sorgfältig platzierte Läufer. Sideboards in einem modernisierten Mid-century modern und farbige, klar geschnittene Sofas und Sessel setzen Akzente – und lassen die Gäste wie in einem Traum schwedischen Designs wandeln.

Da überrascht es nicht, dass das Hotel bei dessen Freunden beliebt und gut gebucht ist. Besonders angesagt ist es mitten im Winter. Vom 4. bis zum 10. Februar 2019 steigt nämlich die Stockholm Design Week. Mehr als 200 Veranstaltungen, darunter viele Ausstellungen und Installationen, werfen dann überall in Stockholm ein Licht auf neue Trends. Sie zeigen, wie und wohin sich skandinavisches Design in der nächsten Zeit entwickeln wird – und mit ihm das Design der westlichen Welt insgesamt.