Stockholm begrüßt seine Besucher mit offenen Armen

(Anmerkung: „Open City“ oder „offene Stadt” würde ich nicht verwenden, obwohl der Begriff für die aktuelle Kampagne von Stockholm verwendet wird, da er aus dem Kriegsrecht stammt und eine unverteidigte Stadt bezeichnet, in Deutschland bekannt auch durch den Film „Roma, città aperta“ von Roberto Rossellini)

Menschen aus aller Welt haben das liberale Stockholm zu ihrer neuen Heimat gemacht. Doch der queeren Community vor Ort reicht es nicht, die Hand auszustrecken. Sie will selbst aktiv werden ­– und hat eine besondere Idee.

Sanft plätschern die Wellen des Mälarsees gegen die Pontons des Restaurants Mälarpaviljongen, das mitten in Stockholms Innenstadt direkt am Seeufer geöffnet hat. Klassische schwedische Gerichte werden hier serviert, perfekt gebratene Köttbullar, die traditionellen schwedischen Fleischbällchen etwa, oder ein frischer Garnelensalat. Besonders an lauen Sommerabenden ist das Restaurant beliebt. Zu einem Drink beim Sonnenuntergang trifft sich hier auch Stockholms LGBT-Community.

Doch nicht nur einheimische Schwule, Lesben, Trans- und Bisexuelle kommen im Mälarpaviljongen zusammen. Jede Saison sind hier auch bis zu zehn queere Flüchtlinge angestellt. „Wir glauben, dass ein Arbeitsplatz der beste Weg ist, um mit der schwedischen Gesellschaft in Kontakt zu kommen“, sagt Arto Winter, der Gründer des Restaurants. In ihren Herkunftsländern wurden die Flüchtlinge massiv diskriminiert, berichtet er. Das Restaurant aber ist ein offener Ort, an dem Homos und Heteros zusammenkommen, essen, trinken und lachen, während über allen die Regenbogenflagge sanft im Wind weht. Gerade wegen dieser Atmosphäre fühlten sich auch die angestellten Flüchtlinge hier besonders wohl.

Dabei bietet das Restaurant mehr als nur soziale Kontakte und eine erste Perspektive. Denn die Gäste unterstützen durch ihren Besuch auch soziale Projekte. Wer im Mälarpaviljongen einen Weißwein, einen Rosé oder ein Bier bestellt, spendet dem Regenbogenfonds, den Arto im Jahr 2013 gegründet hat, gleichzeitig 5 Kronen. Auch mit jeder Flasche „True Colors“ wird der Fonds in gleicher Höhe unterstützt. Da der Sekt mittlerweile im ganzen Land in den staatlichen Alkoholgeschäften Systembolaget verkauft wird, trägt er besonders stark zu den Einnahmen des Fonds bei. Seit 2014 wird der Fons unabhängig vom Restaurant betrieben. Alleine im vergangenen Jahr konnte er insgesamt 3 Millionen Kronen, rund 289.000 Euro, einsammeln. Mit dem Geld werden queere Projekte in Europa, Asien und Afrika unterstützt. „Wir hatten damals queere Flüchtlinge aus Uganda kennengerlernt. Ihre Lebensgeschichten haben uns sehr berührt. Deshalb haben wir uns gefragt, ob wir sie nicht unterstützen können“, berichtet Arto von der Idee hinter dem Fonds.

Auch anderswo zeigt sich Stockholms Stadtgemeinde engagiert. Besonders zum Pride ist die gesamte Stadt in ein Meer aus Regenbogenfahnen getaucht. „Ich bin wirklich stolz, in so einer offenen Stadt zu leben“, sagt Britta Davidsohn, Mitorganisatorin des Stockholm Pride 2018, mit dem zugleich der EuroPride gefeiert wurde. Die Stadt zeigte sich ihren zahlreichen internationalen Besuchern gegenüber von ihrer besten Seite, freundlich und fröhlich. „Viele Gäste aus anderen Ländern mochten es, dass sie mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner ganz selbstverständlich in ein beliebiges Café oder Restaurant gehen konnten, ohne erst sicherzustellen, dass es auch wirklich LGBT-freundlich ist“, erinnert sich Britta. Angesichts eines überall in Europa spürbaren Aufschwungs rechtspopulistischer Parteien war es den Organisatoren wichtig, den Fokus des Pride in diesem Jahr auf politische Forderungen zu legen und vor allem für die Rechte von Transsexuellen und queeren Flüchtlingen einzutreten. Denn natürlich kann man in einer Metropole wie Stockholm wunderbar ausgehen und bis spät in die Nacht feiern. „Aber für uns war der Pride nicht einfach nur eine Party, sondern auch ein Protest, eine Demonstration für Menschenrechte“, erklärt Britta.

Mit ihrem Einsatz für andere bleiben sich die Stockholmer treu. Denn schon Arto, der Gründer des Mälarpaviljongen, kam einst als Einwanderer nach Stockholm. Vor 30 Jahren zog der Finne aus seiner konservativen Heimat nach Schweden. „Schon damals war Stockholm eine offene Stadt, die mich willkommen geheißen hat“, erinnert er sich. Eine Tradition, die er und Stockholms queere Szene auch weiterhin fortsetzen wollen.