Westschwedens raue, kraftvolle Landschaft ergänzt die kreativen Ideen, die die offenen, der Natur verbundenen Bewohner dieser Gegend haben.

Kaum zu glauben, dass die Lådfabrik, dieser Ort der Ruhe, der Entspannung und des Einklangs mit der Natur einst ein Ort harter Arbeit und des Schweißes war. Denn der Blick aus den riesigen Fenstern, die fast die gesamte Wand des Gästehauses einnehmen, geht erst auf einen von meterhohen, rundgeschliffenen natürlichen Felsen eingerahmten Garten, in dem Blumen und Hecken blühen, und dann in weniger als 50 Metern Entfernung aufs Meer und die ersten Inseln der westschwedischen Schären. Besonders schön ist der Blick vom oberen Geschoss. In einem kleinen über die Grundfläche hinausragenden Anbau auf bequemen Sesseln sitzend, hat man, nach einem morgendlichen Spaziergang durch die klare Luft das Gefühl, immer noch mitten in der Natur zu sein, ohne auf die Annehmlichkeit einer Tasse heißen Kaffees verzichten zu müssen. Doch lange bevor der Schwede Johan Buskqvist und sein Mann Marcel van der Eng aus Holland ihr Gästehaus eröffneten, wurde hier am Rande des Ortes Edshultshall auf der Insel Orust geschuftet. Kartons und andere Verpackungen für die Fischindustrie stellten Arbeiter einst her.

Johan, der aus dem Ort stammt, kennt die leerstehende Fabrik noch aus Kindertagen. Damals wie heute lernen die Mädchen und Jungen des Dorfes an einer seichten Stelle hinter dem Gebäude im Sommer schwimmen. Als das Gebäude zum Verkauf angeboten wurden, gaben auch Johan und Marcel ein Gebot ab – und bekamen den Zuschlag. Die beiden ließen das Gebäude behutsam erweitern und bauten es innen komplett um. „Das Meer und die Klippen sind so nah, das Licht ist oft toll – so viel wie möglich davon wollten wir im Haus haben“, beschreibt Johan ihre Vision. Im Erdgeschoss haben heute ein riesiger Ess- und Aufenthaltsraum sowie eine Küche Platz gefunden. „Alles sollte so energiegeladen wie möglich sein, zugleich leicht wirken, ohne Säulen, die den Blick verstellen“, erklärt Johan. Auf der oberen Ebene stehen vier Gästezimmer zur Verfügung.

Nicht nur das Gebäude selbst ist mit seiner außergewöhnlichen Architektur ein Meisterstück. Denn die beiden Eigentümer, die unter anderem in Amsterdam, Düsseldorf, New York und Boston gelebt haben, haben im Laufe der Zeit einige Kunstwerke gesammelt, die nun im Gästehaus Platz gefunden haben. Besonders am Herzen liegt Johan die Skulptur eines Kopfes, erschaffen vom Hamburger Bildhauer Johannes Speder, die nun in Richtung Schären schaut.

Mit ihrem Projekt, das auf die Verbindung von Architektur, Design und der schwedischen Landschaft setzt, stehen Johan und Marcel nicht alleine da. Rund 45 Autominuten südlich der Lådfabrik befindet sich auf der Insel Tjörn der Kunstpark Skulptur i Pilane. Schon von weitem ist die vom spanischen Bildhauer Jaume Plensa entworfene Skulptur „Anna“ zu sehen, die ebenfalls über der Küste wacht. Rund ein Dutzend Meter hoch, hat sie in strahlendem Weiß mit geschlossenen Augen den Kopf in Richtung Meer gedreht. Das Werk ist das einzige, das dauerhaft im Park installiert ist, während die anderen Skulpturen jedes Jahr ausgewechselt werden. Ein gemeinsamer Nenner: Fast alle Werke beziehen die natürliche Umgebung, in der sie stehen, mit ein. In der Saison 2018 installierte der schwedische Künstler Per Svensson etwa ein riesiges Hörrohr, das in Richtung des Meeres zeigt. Wer sich davorstellt, hört nicht nur Meeresrauschen, sondern in unregelmäßigen Abständen auch Kunde von fernen Ländern: den dänischen Wetterbericht etwa oder sogar klassische Konzerte vom europäischen Kontinent.

Vom Skulpturenpark führt ein Radweg die Küste entlang und durch kleine grüne Wälder ins Städtchen Skärhamn, bekannt für sein Aquarellmuseum, das sich, direkt am Hafen errichtet, harmonisch in den beginnenden Schärengarten einfügt. Es zählt zu den bedeutendsten Museen seiner Art. Die hier ausgestellten Künstler nutzen Wasserfarben für ihre oft überraschend kritischen Sujets. Abgründe tun sich etwa in den großformatigen Werken des Schweden Lars Lerin auf, einem Star dieser Kunstrichtung. In seinem Gemälde „Rear Window“ macht er die Betrachter zu Voyeuren: Durch die erleuchteten Fenster einer nächtlichen Großstadt beobachtet man unter anderem ein schwules Paar.

Doch nach ein paar Tagen in der Natur der schwedischen Westküste erscheint die großstädtische Szenerie reichlich unwirklich, vor allem aber dystopisch. Umso lieber kehrt man deshalb rechtzeitig vor Sonnenuntergang zurück in die Lådfabrik, nimmt im ersten Stock Platz und schaut bei einer Tasse Tee zu, wie die hinter den Schären untergehende Sonne ihr ganz eigenes Farbgemälde schafft.